Wie Nordlichter wirklich aussehen …

Auf unserer Island-Reise im Herbst hatten wir das Glück während mehreren Nächten Polarlichter zu sehen. Die Lichterscheinungen sind beeindruckend! Trozdem habe ich gezörgert, ob ich meine von den Nordlichtern gemachten Fotos überhaupt zeigen soll.

Denn was meine Kamera eingefangen hat, entspricht nicht was ich von Auge gesehen habe. Gesehen habe ich meist ein grau-weisses Lichtband, dass sich in Intensität, in der Grösse und in der Bewegung laufend veränderte. (Oktober 2015 / refresh 15.2.2016/ refresh 6.12.2016)

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Nordlichter sind faszinierend – aber sind diese jetzt nun stark leuchtend, grün oder farbig bunt?

Die Nordlichter tanzten am Himmel, ein wahrer Lichtregen zeigte sich am Himmel. Als würden die Sterne nicht reichen, präsentiert sich eine Illumination, die ihre Choreografie alle paar Sekunden wechselt. Helle Lichtduschen, die von oben regnen. Ellipsen, schwebend wie eine Art Himmelsarena. Plastisch erscheint Himmel. Ein Wunder, wunderschön, aber am Ende doch klar einfarbig! Bei ganz intensiven Lichterscheinungen vielleicht ein Hauch von Türkis? Aber vielleicht auch schon Einbildung?

Und dann die Erkenntnis – dieses Polarlicht vor meinen Augen hat nichts zu tun mit diesen intensiven Bildern, die grüne und farbige Nordlichter zeigen, welche gerade im Moment rund um die Welt gehen. Zweite Erkenntnis ist die Überraschung, dass genau solche Bilder aus meiner Kamera kommen – ohne dass ich diese irgendwie bearbeitet hätte!

Aber was nun – Fake oder doch Wirklichkeit? Schauen wir uns doch einfach an, was ich gesehen, fotografiert und in Lightroom bearbeitet habe. Ein Bild welches in einer Neu-Mondnacht entstanden ist.

Das erste Bild habe ich zusammen mit meiner Frau in Lightroom (Software zur Bearbeitung und Verwaltung von Digitalfotos) angepasst, bis wir das Gefühl hatten, ja so haben wir es gesehen. Auch bei dieser Anpassung gab es bereits Unterschiede in der Wahrnehmung, ich habe die Lichterscheinung etwas intensiver gesehen, eher eine sanfte, Pastellfarbe in Türkis.

Nachfolgend dann das Original, welches ich mit 20 sek Belichtung aufgenommen habe (Nikkor 14mm – 24mm; f/2.8) – also genauso wie es aus der Kamera gekommen ist.

Die dritte Version ist in Lightroom bearbeitet – nach Anleitung eines Profifotografes. Ich habe aber nur die Tonwertkorrektur in den Bereichen schwarz und weiss vorgenommen, was das ganze noch intensiver aussehen lässt. Aus fotografischen Ansätzen m.E. kein Fake – es wurde weder in der Präsenz noch in der Farb-Sättigung etwas angepasst. Weiter unten findet man Beispiele, welche mit einer höheren ISO-Zahl, ganz offener Blende und kürzeren Belichtungszeiten aufgenommen wurden. Zudem wurden diese Aufnahmen bei Mondlicht aufgenommen, daher erscheint die Landschaft heller. In Lightroom habe ich dann noch eine „intensivere“ Tonwertkorrektur (weiss/schwarz) vorgenommen, so dass diese den bekannten Nordlicht-Fotografien etwas gleichen.

Polarlicht Iceland

Wie Polarlichter wirklich aussehen, resp. so haben wir es gesehen … (Polarlicht/ Nordlicht grau weiss, schwache Intensität ca. 3 gemäss Angaben Icelandic Met Office)

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Original aus der Kamera (Nikon D7100)

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Anpassung der Tonwerte weiss/schwarz, leichte Entrauschung

Aber woher der Unterschied? Polarlicht ist ein elektrisches Licht. Die Digitalkameras „sehen“ Licht ganz anders. Das Polarlicht in „urbaner“ Umgebung – also dort wo es noch Licht gibt –  wird bis zu einer Stärke k=5 als weissliches Licht wahrgenommen. Im Auge wird das Licht von Photorezeptoren, den Stäbchen und Zapfen absorbiert und im Hirn verarbeitet. Im Dämmerlicht/Dunklen sehen wir mit den Stäbchen. Diese enthalten keine Photorezeptoren für Wellenlängen in den Bereichen, in denen wir Farbe wahrnehmen können. Eigentlich sehen wir nachts also nur schwarz/weiss (Nachts sind alle Katzen grau). Sobald allerdings die Intensität von Lichtquellen in der Nacht ausreicht (z.B. eine rote Ampel) werden die Zapfen angesprochen und mitaktiviert. So kann das Polarlicht ab einer Stärke von 5 – 9 (Maximum) intensiv grün wahrgenommen werden. Entscheidend ist dann noch der Standort. Wenn man sich in einem Gebiet vollständiger Dunkelheit befindet und das unglaubliche Glück hat eine Aurora Borealis in hoher Intensität zu sehen, dann wird man ein festes leuchtendes, grünes Licht sehen. (Dieses Thema habe ich im Post „Nimmt das menschliche Auge Nordlichter farbig wahr?“ noch etwas vertieft. Zudem findest Du hier auch Kommentare von Lesern zu diesem Thema.)

Gerade Profi-Nordlichtjäger-Fotografen erleben dieses „andere“ leuchtende und farbige Nordlicht. Aber der Aufwand ist hoch, mitten in der Nacht auf unbefestigten Jeep-Tracks bei Schnee und Eis in die Wildnis zu fahren und dann 6 – 8 Stunden im Auto zu warten, um allenfalls ein (intensives) Nordlicht zu sehen.

Ich möchte hier nicht die Faszination Nordlicht entzaubern und schon gar nicht Elfengläubige enttäuschen. Aber ich möchte einfach behaupten, dass viele Bilder nicht zeigen, wie die Nordlichter in Wirklichkeit aussehen. Aufgrund der langen Belichtungszeiten zeigen viele Bilder teilweise den kompletten Himmel grün erleuchtet, Berge und Wasseroberflächen schimmern intensiv grün. Durch die langen Belichtungszeiten werden die Bewegungen der Nordlichter aufgenommen, dadurch erscheinen die grünen Flächen intensiver, grösser. Die Landschaft wird plötzlich sichtbar – obwohl Dunkelheit herrscht.

Allenfalls muss sich der Tourismus in Island etwas überlegen. Noch vor einiger Zeit waren es vorallem Fotografen die nach den Nordlichtern suchten. In der Zwischenzeit werden Touristen mit Prospekten oder Werbefilmen, die grell leuchtende flackernde Farbspiele zeigen, nach Reykjavik und Umgebung angelockt. Diese Touristen werden vermutlich enttäuscht zurückreisen – denn ob und wie die Lichter hervorkommen, ist dem Zufall überlassen. Meist sind sie zudem eher schwach zu sehen.

Hier noch zwei Beispiele  – von mir aufgenommen. Das erste wurde am Fjord Eyjafjörður in der Nähe von Akureyri (Iceland) im Oktober 2015, das zweite auf den Lofoten im September 2016.

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Nordlicht über dem Fjord Eyjafjörður (2015)

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starkes Nordlicht mit kurzer Belichtungszeit in der Abend-Dämmerung aufgenommen (Lofoten 2016)

Aber nichtsdestotrotz sind die Polarlichter in Island eine ganz tolle Erfahrung – und es gehört Glück dazu den richtigen Tag und das richtige Wetter zu erwischen. Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis, Polarlichter zu beobachten und zu fotografieren. Man steht draussen (in der Kälte) und geniesst den unvergleichlichen Anblick dieser Lichterscheinung, dass sich ändert in der Bewegung und Intensität. Verschwindet und wieder kommt. Einem berührt.

Und einfach fasziniert. Während ich diesen Post schreibe, gehe ich laufend raus auf die Terrasse um schnell zu checken, ob der Himmel aufgeklart hat. Eine Abrechnung mit dem Polarlicht habe ich ja noch offen – es in höchster Intensität und dann in grün zu sehen! Und der Geländewagen steht bereit um in die vollständige Dunkelheit zu entrauschen…

Fazit:

Wenn Du Nordlichter sehen willst, reise unbedingt an einen Ort am Polarkreis, aber Du solltest Deine Erwartungen etwas runter schrauben:

  1. Profi-Fotografen investieren Wochen oder sogar Monate und nehmen viel Strapazen auf sich, fahren weit weg von der Zivilisation wo es gar keine störenden Lichter hat. Bei hoher Intensität der Nordlichter sehen diese Fotografen in etwa wirklich was sie auch fotografieren. Aber Achtung: In Island mitten in der Nacht auf unbefestigten Jeep-Tracks  bei Schnee und Eis in die Wildnis zu fahren ist nicht ungefährlich. Falls es für Dich eine Option ist, sich dem Nordlicht „abenteuerlich“ in der arktischen Wildnis zu nähern, empfehle ich einen Nordlicht-Guide – es gibt gerade auf Island genug tolle Fotografen, die dies professionell anbieten und Dich mit ihren Super-Jeeps an Orte führen, die für die Nordlicht-Beobachtung absolut optimal sind.
  2. In totaler Dunkelheit ab Stärke 5 bis 9 (Maximum) ist das Polarlicht problemlos als stark leuchtendes, grünliches Licht feststellbar.
  3. Nicht alle Menschen sehen Nachts gleich – viele können keine Farben bei schwachen Lichtern erkennen. Sei nicht enttäuscht, wenn die anderen die Aurora Borealis als grünes Licht sehen und Du nur als weisse, graue Lichterscheinung.
  4. Die Digitalkameras sehen Licht ganz anders. Vor allem: Polarlicht ist ein elektrisches Licht! Die Kamera erkennt das Nordlicht daher in intensiven grünen – manchmal sogar in roten und gelben Farben ergänzt.
  5. Erwarte auch nicht, dass das Nordlicht die ganze Umgebung taghell erleuchtet – wie dies auf vielen Langezeitbelichtungen zu sehen sind. Auch bei sehr sehr starken Nordlichtern kommen keine für das Auge wahrnehmbare Reflektionen auf Berge und Landschaft zustande – immer wieder aber zu sehen auf den Nordlicht-Fotos. Bei starken Nordlichtern kann man allerdings von Auge eine Reflektion auf dem Wasser durchaus beobachten.
  6. Das Nordlicht ähnelt in der Regel eher einer weissen, grauen oder blassen grünen Lichterscheinung – diese zu sehen ist aber trotzdem eindrücklich. Auch das Nordlicht ist oft unterschiedlich. Manchmal hat es eine stärkere Farbsättigung, meistens aber eine sehr schwache. Übrigens die „Farben“ – die vorallem durch eine Kamera eingefangen werden – entstehen in verschiedener Höhe, dass bekannte farblose bis grüne Licht in 100 – 200km Höhe.
  7. Man kann nicht grundsätzlich mit einer hohen Intensität rechnen, es kann auch während vielen Wochen „nur“ mit einer Intensität von 1 – 4 zu sehen sein. Oder auch gar nicht.
  8. Unterschätze das Wetter nicht am Polarkreis: Regen, Schnee, starke Winde, extreme Kälte, Nebel, dauernd bedeckter Himmel, usw. usw. – ein aufgeklarter Himmel kann schon ein wahrer ein Glücksfall sein. Aber dann kann der Aurora Borealis Index auf 0 sein – also kein Nordlicht.
  9. Der Mond – soll er scheinen oder nicht? Die weit verbreitete Ansicht, Nordlicht lässt sich nur in mondlosen Nächten sehen, stimmt so nicht ganz. Klar kann ein hell scheinender Mond, das Nordlicht unsichtbar(er) machen. Fotografen dagegen haben den Mond ganz gerne, denn es gelingen faszinierende Aufnahmen der mondbeschienene Landschaft und dem Nordlicht. Hier ein Tipp für Amateur-Fotografen: Bei Mondlicht lässt sich im Automatik-Modus fotografieren, ein Stativ ist aber auch hier von grossem Vorteil. (Oder man nimmt ein Kissen und sucht sich irgend eine kleine Mauer und „baut“ sich provisorisch ein Stativ)
  10. Ein ein-, besser zweiwöchiger Aufenthalt während der Monate September, Oktober oder März im Norden Islands oder im Norden Skandinaviens wird folglich die besten Chancen bieten, Polarlichter zu sehen. Doch auch in den Monaten November – Februar werden Polarlicht-Reisende sehr selten enttäuscht.

    Bei klaren Himmel ist als Faustregel etwa mit der nachstehenden Polarlichthäufigkeit zu rechnen:

    – Nordisland: 10 von 10 Nächten
    – Reykjavík: 9 von 10 Nächten
    – Tromsø: 9 von 10 Nächten
    – Svalbard: 8 von 10 Nächten
    – Kiruna: 8 von 10 Nächten
    – Finnisch-Lappland: 7 von 10 Nächten
    – Färöer: 7 von 10 Nächten

    In allen o.g. Regionen tritt im Durchschnitt etwa einmal pro Woche ein helles Polarlicht auf, um die Tag- und Nachtgleichen etwas häufiger als zwischen November und Januar. In den Jahren um das Maximum der Sonnenaktivität sind helle Polarlichter öfters zu erwarten als in den Jahren um das Minimum.

  11. Die Aurora Borealis zu fotografieren erfordert einige Vorkenntnisse in der Fotografie – man sollte sich unbedingt darauf vorbereiten. Wenn man das Glück hat eine zu sehen, hat man keine Zeit mehr mehr (in der Dunkelheit) zum Experimentieren. Eine gute Kameraausrüstung sollte man mitnehmen – vor allem ein lichtstarkes Objektiv ist Pflicht.

  12. Don’t go for the Northern Lights; go for the destination!

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Hier findest Du weitere Nordlicht-Bilder von unserer Island-Reise: Portfolio Nordlicht

Es gibt bei mir auf dem Blog einige Posts über das Nordlicht, diese findest Du hier: https://weltderwanderlust.com/category/nordlicht/

In der Malerei wurde früher übrigens das Nordlicht immer weiss dargestellt – wie hier von Harald Moltke. Hätte er es grün gesehen, dann …

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Harald Moltke, The Northern Lights over Iceland, 1899

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Nordlicht-Regen auf den Lofoten

 

Nachtrag 6.12.2016:

Auf dem Blog Skywek Zwei Punkt Null habe ich den Post „Polarlicht vom Schiff vor Norwegen – so geht’s!“  – es handelt sich um eine ausführliche Beschreibung über viele Polarlichtbeobachtungen im November 2011, welche von der MS Polarlys (Hurtigruten) aus gemacht wurden. Eine Aussage ist hier von Interesse: 

Mit DSLR-Kameras, die höhere ISO-Zahlen (für kürzere Belichtungen und damit besseres Einfrieren der wabernden Vorhänge) und/oder noch viel weitere Weitwinkel (für das Gesamtbild) verwenden konnten, gelangen anderen Teilnehmern der Fahrt übrigens noch beeindruckendere Ergebnisse. Für das Auge erschienen die meisten dieser Polarlichter weißlich mit allenfalls leichtem Grün-Ton und allenfalls einem Hauch von Rot darüber – denn eine nennenswerte Steigerung über das in diesen Breiten ‚Übliche‘ hinaus hatten sie angesichts ziemlich geringer Sonnenaktivität nicht erfahren.

11 Antworten zu “Wie Nordlichter wirklich aussehen …

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  2. Großartiger Artikel, vielen Dank. Als bekennende Sonnenanbeterin war ich ja noch nie so weit im Norden, aber nichtsdestotrotz steht Reykjavík irgendwo weiter unten auf meiner Liste. Ohne Vorbereitung wäre ich ohne deinen Artikel bestimmt seeehr enttäuscht gewesen!

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    • Hallo Karin, vielen Dank für Deinen Kommentar. Die grandiosen Landschaften, das wunderbare Licht, Polarnächte und Nordlichter, aber auch die Menschen die in dieser rauen Natur leben, machen den hohen Norden immer für eine Reise wert. Lange Dunkelphasen, Extremkälte im Winter und relativ kühle Temperaturen im Sommer sind für Reisende in die Gebiete um den Polarkreis immer eine besondere Herausforderungen. Daher ist ein (weisses) Nordlicht zu erleben, wirklich ein ausserordentlich schöner Moment. Lg, Michael

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