Nimmt das menschliche Auge Nordlichter farbig wahr?

Die Nordlichter leuchten weisslich oder in pastellenen Tönen in der Polarnacht.  Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis, Polarlichter zu erleben und zu fotografieren. Man steht in einer kalten, klaren Nacht draussen in der Natur und geniesst den unvergleichlichen Anblick dieser Lichterscheinung, die sich schnell ändert in der Bewegung und Intensität. Verschwindet und wieder kommt. Einem immer wieder berührt.

Allerdings hat dieses Erlebnis nichts zu tun, mit den intensiven Bildern von grellen Polarlichtern, mit welchen die Tourismus-Industrie in den Ländern rund um den Polarkreis Touristen in die kalte Polarnacht locken will. Gelegentlich lese ich Berichte von Fotografen, die versuchen einem klar zu machen, dass sie die Nordlichter genau so intensiv grün und farbig bunt von Auge sehen, wie sie diese dann auf ihren Fotografien veröffentlichen. Darüber muss ich mich einfach etwas wundern, denn ich hatte das bisher ganz anders erlebt. Und nicht nur einmal, sondern mehrfach. Auf Island, auf den Lofoten in Norwegen.

Bei aller Diskussion wie grau oder farbig die Nordlichter nun vom menschlichen Auge wahr genommen werden, sollte man nicht vergessen, wie viel Glück dazu gehört, diese überhaupt zu sehen. Es braucht die richtige Nacht, das richtige Wetter und auch die Sonnenaktivitäten müssen stimmen.

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Leuchten Nordlichter wirklich so stark ? Sind Polarlichter intensiv grün?

Nimmt das menschliche Auge Nordlichter farbig wahr? Mit diesem Thema setze ich mich in der letzten Zeit etwas auseinander. Sogar der Frage bin ich nachgegangen ob ich vielleicht Farbenblind bin? Bin ich nicht! Aber warum sind Nordlichter grau, weiss – manchmal dann aber doch wieder farbig, pastellenen Tönen?

Letzte Woche hatte ich auf den Lofoten das Erlebnis einer starken Aurora Borealis. Index 6 – 7  gemäss Angabe des Norwegian Center for Space Weather. Wow – das ging aber ab! Der Himmel explodierte förmlich und ich sah Farben: grün und rot! Aber ganz klar in zarten Pastellfarben – immer noch weit weg von dem satten, tiefen und grell leuchtendem Grün auf den bekannten Fotos! Oder starkem Rot und Violett! Die Pastellfarben wurden mal etwas stärker, wechselten aber auch mit stark leuchtendem Weiss ab.

Die folgende Aufnahme spiegelt das Szenario dieser Nacht Ende September 2016 auf den Lofoten ziemlich gut wider. Das Bild ist etwas stärker in den Farben, als ich es wahr genommen habe, aber das grün und die roten Ränder waren klar auch von Auge zu erkennen. Zudem wurde dieses Bild mit einer relativen kurzen Belichtungszeit aufgenommen. Das Objektiv konnte natürlich nur ein Teil des ganzen Feuerwerks erfassen.

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Tatsache für mich ist, dass in unserem Auge nachts vor allem die Stäbchen aktiv sind und dass diese unsere Wahrnehmung auf schwarz-weiss reduzieren (Nachtsehen oder Skotopisches Sehen). Hier komme ich wieder mit dem Sprichwort  “Nachts sind alle Katzen grau”. Sobald allerdings der Mond scheint oder die Polarlichter sehr stark sind, ist die Umgebung ausreichend hell, so dass wir wieder Farben sehen können. Nordlichter sind keine starken Lichter, daher nimmt das Auge die Farben auch dann eher in Pastell wahr. Viele Menschen werden es aber immer eher als weissliches Licht wahrnehmen. Der Kamerasensor dagegen ist viel empfindlicher als das menschliche Auge und zeichnet die Lichter klar in Farben, vor allem in tief gesättigtem Grün, auf. Zudem muss man berücksichtigen, dass die meisten Aufnahmen Langzeitbelichtungen sind. Zum Teil werden die Aufnahmen bis zu 20 Sekunden belichtet. Schon daher zeigen die Aufnahmen etwas anderes, als man in Wirklichkeit wahrnimmt.

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Bilder-Reihe: Polarlichter aus der Kamera unbearbeitet, bearbeitet und „nachgestellt“, wie wir dieses gesehen haben. Mehr darüber findest Du in meinem Post „Wie Nordlichter wirklich aussehen …“ (Bild anklicken)

Eine Fehlbeurteilung von meiner Seite gibt es aber doch: Bisher bin ich davon ausgegangen, dass das Nordlicht zu schwach ist um sich im Wasser zu spiegeln. Hier bin ich eines besseren belehrt worden, die Nordlichter spiegeln sich tatsächlich im Wasser eines Sees oder wie bei uns letzte Woche in einer ruhigen Bucht.

Die Leuchtdichte, bei der wir nachts anfangen Farben zu erkennen, scheint von Mensch zu Mensch verschieden. Ob bei einer sternenklaren Neumond-Nacht ein mittleres Nordlicht genug Leuchtdichte aufweist, so dass das menschliche Auge dies farbig wahrnehmen kann, bezweifle ich. Die meisten Menschen werden daher bei schwachen bis mittleren Polarlichter diese „nur“ farblos sehen. Wer aber seinen Fotoapparat gegen den Himmel richtet, wird eine Überraschung erleben! Für den Kamerasensor handelt es sich um ein elektrisches Licht und er ist in der Dunkelheit viel farbempfindlicher als das menschliche Auge und wird gesättigte und leuchtende Farben hervorzaubern.

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Was die Kamera hervorzaubert haben wir so nicht gesehen. Das Licht tanzte, bewegte sich – in türkis pastellenen und weisslich-grauen Tönen. (Lofoten, Bild direkt aus der Kamera unbearbeitet)

Es gibt noch viel weitere Aspekte, warum wir die Nordlichter als Menschen eher weisslich sehen und warum Fotografen diese dann schlussendlich in kontrastreichen Farben aufnehmen und veröffentlichen (so wie ich, auch meine Nordlichter sind leuchtend grün). Einer dieser Aspekte ist zum Beispiel, warum wurde in der Malerei im 19 Jhd die Nordlichter immer weiss dargestellt.

Wenn Du Dich in das Thema weiter vertiefen möchtest, dann empfehle ich Dir meinen Post „Wie Nordlichter wirklich aussehen“. Zudem gibt es dort auch viele Tipps zur Nordlicht-Beobachtung.

Allenfalls muss sich der Tourismus in Island etwas überlegen. Noch vor einiger Zeit waren es vorallem Fotografen die nach den Nordlichtern suchten. In der Zwischenzeit werden Touristen mit Prospekten oder Werbefilmen, die grell leuchtende flackernde Farbspiele zeigen, nach Reykjavik und Umgebung angelockt. Diese Touristen werden vermutlich enttäuscht zurückreisen – denn ob und wie die Lichter hervorkommen, ist dem Zufall überlassen. Meist sind sie zudem eher schwach zu sehen.

Michael’s Beers & Beans

Dieser Post hat es auch auf die Front-Seite von Travelbook BlogStars geschafft – herzlichen Dank!


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8 thoughts on “Nimmt das menschliche Auge Nordlichter farbig wahr?

  1. Hi Michael,

    wir waren zu Ostern in der Region um Alta in Norwegen. Es ist wie du sagst, Nordlichter zu entdecken ist nicht leicht. Wir hatten zwar extrem dunkle Nächte, aber die Aktivität war nicht mehr so stark.
    Wir sind mit der Hoffnung in den hohen Norden gereist, die Lichter mit blosem Auge zu sehen, aber dem ist einfach nicht so. Alle 5-10 Minuten wurde der Himmel gecheckt und das war durch das leichte weisliche Schimmern gar nicht so einfach.
    Die Bilder hingegen, durch die hohe Sensibilität der Kamera, sind der Hammer.

    Wir dürfen bei diesem Erlebnis einfach nicht vergessen, es ist Natur. Klar, gibt es auch den bekannten grünen Schimmer, aber die Fotos sind Langzeitbelichtungen. Wir haben sogar bis zu 40 sec. belichtet.

    Super Artikel und schön erklärt.

    Liebe Grüße
    Pia & Cris

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    1. Hallo Pia & Cris, herzlichen Dank für Euren Kommentar. Dies widerspiegelt wirklich auch meine Erlebnisse letztes Jahr in Island. Bei leichten Lichterscheinungen, wo wir nicht sicher war, haben wir die Kamera genommen, um klar zu stellen, ob es sich tatsächlich um ein Nordlicht handelt. Mit der richtigen Erwartung zu Nordlichtern, ist die Beobachtung ein ganz tolles Natur-Erlebnis. Gruss, Michael

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  2. Vielleicht waren die von Dir wahrgenommenen Polarlichter einfach nicht stark genug? Bei den Fotos, auf denen man einen leuchtenden Bogen sieht, würde ich dies als schwaches Nordlicht bezeichnen. Ich konnte auf den Lofoten auch schon Nordlichter erleben, die so stark waren, dass sogar Schatten entstanden.

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    1. Hallo Gerhard, genau darum geht es eigentlich. Die Wahrnehmung beim Nordlicht ist unterschiedlich. Viele Faktoren spielen eine Rolle. So wird es viele Menschen wie mich geben, die auch ein stärkeres Nordlicht nicht so sehen können, wie die Sensoren einer Digital Kamera. Meine „starken“ Nordlichter habe ich noch nicht veröffentlicht, auch diese waren stark leuchtend inkl. Spieglung im Wasser, da gebe ich Dir recht. Allerdings war auch dieses Licht nicht stark genug, dass man z.B. Werte an der Kamera ablesen hätte können. „Stark“ leuchtend also, aber eben weisslich und in pastellenen Farben, eindeutig nicht „knallgrün“. Zudem bin ich der Meinung, dass starke Nordlichter dann doch eher selten erscheinen und als Reisender muss man dann noch Glück haben zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Und das Wetter sollte dann auch noch stimmen. Gruss Michael

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    1. Hallo Markus, Danke für Deinen Kommentar, freue mich immer zu sehen, dass Du dabei bist. Die Nachbearbeitung meiner „Nordlicht-Fotos“ von den Lofoten von meiner Reise im September steht allerdings noch an, schon die Selektion wird nicht ganz einfach. Viel Arbeit. 😉 Gruss, Michael

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  3. Sehr spannendes Thema. Das Leuchten kann man nicht beschreiben, wie es wabernd über den Himmel zieht und in vielen Farben schimmert.
    Es ist toll, wenn man es in einem Bild festhalten kann. Aber das Bild spiegelt nicht das echte Erlebnis am Himmel wieder…

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