Meine Zeit nach dem Ausstieg bei Twitter und Instagram

War ich süchtig nach Twitter und Instagram? Ich glaube nicht. Eher automatisiert. Aus einer schönen Zeitverschwendung wurde Zeitvernichtung, unbewusst und unkontrolliert. Vor Ostern entschied ich die Stecker bei Twitter und Instagram (weitgehend) zu ziehen. Ich musste meine zukünftige Zeit zurückgewinnen. Verordnete mir eine strenge Diät!

Mit meinem kleinen Social Media Projekt bin ich zeitlich abgestürzt …

(Im ersten Teil habe ich über meine aktive Zeit mit Twitter und Instagram berichtet: Aus Zeitverschwendung wurde Zeitvernichtung)

Diät ist die richtige Bezeichnung. Meine Accounts bestehen noch, diese habe ich nicht gelöscht. Mein Haupt-Account ist mit WordPress verbunden, setzt also automatisch einen Tweet ab, wenn ein neuer Post auf meinem Blog veröffentlicht wird. Einbahnstrasse – nichts weiter.

Die Apps von Twitter und Instagram habe ich auf meinem Smartphone gelöscht, die Social Media Marketing Tools gekündigt.

Die ersten Tage meiner Twitter/Instagram-Diät waren ernüchternd. Dutzende Male entsperrte ich mein Smartphone um festzustellen, der Social Media Ordner war weg. Einfach weg.

Ich realisierte wie „viereckig“ ich bereits dachte – automatisiert blieb ich ständig auf der Suche für neues unbedeutendes, was ich auf Twitter/Instagram posten könnte. Ein wunderschöner Sonnenaufgang vor zwei Wochen. Anstatt mich in diesem Moment über den Frühling zu freuen und einfach den Anblick zu geniessen, war ich irgendwie enttäuscht. Mit wem sollte ich diesen Moment jetzt teilen? Ich habe ein Bild vom Sonnenaufgang in den Familien-Chat bei WhatsApp gestellt, darüber haben sich alle gefreut. Ich bin mir dabei vorgekommen, als hätte ich einen Rückfall!

So ein schöner Augenblick – es wird Frühling. Aber wem poste ich dies jetzt?

Im späteren Verlauf entstand tatsächlich ein Loch in meinem Zeitgefühl. Der Drang schnell nachzuschauen, ob jemand kommentiert hat, war stärker als gedacht. Zwischendurch hatte ich sogar eine Phase einfach wieder anzufangen – mir fehlten tatsächlich die liebgewonnen, aktiven «Mit-Twitterer» und «Instagramer» aus den verschieden Regionen. Wie war das Wetter in den Bergen, gibt es tolle Fotos aus WestCork oder alltäglich schönes aus Hamburg? Und was machen die Instagramerinnen, die ihr ganzes perfekte Privatleben pausenlos online inszenieren und mir immer so nette Kommentare geschrieben haben? War Lea – die Aargauer  Twitter Königin – mir bei der Followerzahl schon wieder voraus?

Ich blieb standhaft.

Mit Standhaftigkeit zukünftige Zeit zurückgewinnen …

Knapp zwei Wochen Entzug oder Ent-Automatisierung sind vorüber. Langsam werde ich nüchtern. Unbeholfen schaue ich manchmal auf meine Mitmenschen, welche die roten Kreissymbole auf ihren Facebook, Twitter & Co. Apps auf einem Glückslevel halten. Wo sind meine Social-Media-Bekanntschaften? Für immer verloren. Wenn ich ehrlich zu mir bin, es hat gar niemanden interessiert, dass ich weg bin. Die Kanäle rauschen einfach weiter.

Dagegen sind die Menschen, die ich im echten Leben kennengelernt habe, geblieben. Und meine wertvolle „Community“ von MitBloggerInnen rund um meinen Blog ebenfalls. Zum Glück.

Die Sozialen Medien sehe ich nicht als etwas Negatives an. Zudem geht jeder unterschiedlich mit diesen Medien um, hat einen anderen digitalen Freundeskreis. Soziale Medien können positiv für das Selbstbewusstsein der User sein, echte Freundschaften bereichern. Stärken die Kreativität.

Bei mir dagegen hat Twitter/Instagram Zeit vernichtet, wurde zur Plattform meines «Arbeits-Ich». Es hat meine Aufmerksamkeit und meine Inhalte/Fotos ausgebeutet ohne mir Wertschätzung (oder Geld) zurückzugeben.

Hallo „Tweetie“, hier geht es zurück in die reale Welt …

Was habe ich seither gewonnen, habe ich jetzt mehr Zeit? Rückblick: Schnell ein paar Fotos gemacht oder aus dem Archiv rausgesucht, diese vielleicht noch kurz bearbeitet, ein Text dazu platziert. Push.  Ab und zu Kommentare beantwortet oder geschrieben. TimeLine durchgescrollt. Geliket. Statistiken studiert. Gegenlikes aus Höflichkeit platziert. «Buffer» bearbeitet, schnell den Stand über «Tweet-Deck» gecheckt. Alles schnell und kurz – macht vermutlich durchschnittlich 1 – 2 Stunden Social Media-Präsenz pro Tag. (Jugendliche kommen übrigens schnell mal auf 3 – 4 Stunden pro Tag).

Nehmen wir doch einfach 2 Stunden pro Tag. Dies summiert sich auf über 700 Stunden im Jahr – ein Monat mehr Lebenszeit! Pro Jahr!

Zeit die ich wieder verschwenden darf – nach Lust und Laune!

„Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen. Mehr nicht. Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht was Freundschaft bedeutet.“ Mark Zuckerberg, Gründer und CEO facebook

Was bleibt? Einen schönen Augenblick zu geniessen ohne nachzdenken, wie dieser jetzt tweetgerecht auf Instagram gepostet werden könnte …

Der Blogger „DanielVorkauf“ aus Bayern – welcher vor kurzem seinen Facebook Account aufgegeben hat – erzählt seine Erfahrung spannend auf meinem Blog, den Link zum Kommentar findest Du unten. Eine kleine Bemerkung by the way von ihm war „und mein Handy Akku trumpft zu neuer Lebensdauer auf“. Erst in den letzten Tagen ist mir aufgefallen wie recht er hat, auch mein Smartphone wurde zum Langläufer …

Auf den ersten Teil meines Posts „Twitter/Instagram – aus Zeitverschwendung wurde Zeitvernichtung“ haben mich sehr lesenwerte, tolle Kommentare erreicht. Diese empfehle ich gerne zum Nachlesen:

Für diese Kommentare ein ganz herzliches Dankeschön!

Verfasst von

Michael’s Beers & Beans – Stories and Photos posted by Michael Schneider – ideas brewed with water of the Rhine. (Blogging for Fun / Non-Commercial) Zurich & Lake Constance

5 Kommentare zu „Meine Zeit nach dem Ausstieg bei Twitter und Instagram

  1. Ich finds klasse, dass Du durchhältst. Ich war nicht so standhaft.

    Ich bin letztes Jahr im Mai ausgestiegen. Erst mal aus Twitter, wo ich drei Accounts hatte, den öffentlichen Blogs (in denen ich mir blöderweise im Vorfeld zu wenig Gedanken über Urheberrechtsschutz verwendet hatte – und ich plötzlich kalte Füße bekam) dann aus Google plus, etc. … Ich machte kalten Entzug. Ich hab alles gelöscht. Alle Accounts und Blogs weg. Fühlte sich leer an, zumal ich gerade über google+ nette Leute auch im richtigen Leben traf. Aber das war noch das „alte google+“. Google+ hatte sich geändert… Entzug. Ich vermisste es, aber hatte (und habe) noch meinen passwort-geschützten Blog, nur für Freunde, um das zu kompensieren.

    Doch Twitter lieferte auch Informationen. Die vermisste ich und kehrte überlegt wieder zurück. Dummerweise kam genau dadurch der Rückfall, denn dort erfuhr ich von Vero als „damals“ der Hype begann. Ich habe mich doch glatt angemeldet. Einen Monat blieb ich dabei, bis ich merkte, dass das im Grunde genau das gleiche ist wie das vor dem ich vor einem Jahr geflohen bin. Was mach ich da eigentlich? Sofort raus! Account gelöscht!

    Nun hab ich noch Twitter – und meinen neuen öffentlichen Blog hier auf wordpress.

    Also: Standhaft bleiben und lieber schöne Sachen bloggen 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Hey Michael, ich kann’s gut nachvollziehen, wenn man erstmal drin hängt, kommt man schwer aus der Schleife ‚raus. Ich habe mich vor kurzem auch aus einigem herausgezogen, es raubt einfach zuviel Lebenszeit. Und am Ende sollten wir doch alles, was wir machen, für uns selbst machen…

    Gefällt 1 Person

  3. Hi Michael,

    ich hatte eigentlich schon einen Kommentar gepostet aber scheinbar habe ich nicht gesendet oder hießiger Browser wieder die Arbeit verweigert. Also noch einmal:

    Ich war schon gespannt wie Deine orte bzgl. Social Network Abstinenz ausfallen würden. Viele reagieren ja eher in Kurzschlussart und löschen sich um es einige tage später wieder zu bereuen. Ich denke, so ein Schritt sollte durchdacht sein und wenn man merkt, dass einem Likes und Comments fehlen, dann war das Löschen richtig. Denn das bringt einem wirklich nichts außer vielleicht ein paar Bauchstreichelgefühle. Und davon sollte man nicht abhängig sein. Vieles ist in den Netzwerken äußerst oberflächlich und oftmals geht es nur um Eigennutz – gegenseitiges Pushen und Bekanntwerden – ohne das dahinter zwangsläufig eine höhere Ambition steht. Daher auch Dein Eindruck, dass vielen Menschen Dein Abgang nicht einmal aufgefallen ist – es ist Realität, weil es selten um die Person hinter einem Nick geht sondern eben um „Zweckmäßigkeiten“ – klingt hart, aber ist, so bin ich überzeugt der Erfahrungshorizont vieler – wenn sie sich selbst und das virtuelle Umfeld kritisch reflektieren.

    Vor 1,5 Jahren wurden von mir im englischen Printmagazin „Digital Photography“ einige Bilder und Worte bzgl. RAW Entwicklung veröffentlich – ich wanderte sogar auf die Titelseite. Das war schön – in den folgenden 4 Wochen hatte ich etwa 1000 Freundschaftsanfragen auf FB – global und von überall. Ich konnte es erst gar nicht zuordnen. Und weitere 4 Wochen später war das alles durch. Ein kurzes Aufflammen und dann wieder die Routine und selbe Oberfläche wie eh und je. Natürlich sollte man dabei Nutzen und Möglichkeiten sozialer Netzwerke durchaus schätzen aber eben auch kritisch reflektieren. Für mich war es im Nachhinein der schöne Moment sich in einem großen Fotomagazin zu finden – das virtuelle Geschehen danach nervte eigentlich.

    Und ja, man lernte auch Menschen kennen, die zu echten, realen Freunden/Buddys wurden – die bleiben auch ohne FB und darauf sollte es ankommen.

    Alles Gute

    D.

    Gefällt 1 Person

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